WN: Sie kandidieren zum ersten Mal für ein politisches Amt. Fühlen Sie sich denn schon als Politiker?
JÜRGEN GULDEN: Ich sehe mich als Sozialpolitiker im Bezug auf das Thema
Arbeit. Aber sonst muss ich mich noch einarbeiten, das räume ich gerne
ein, obwohl ich sehr viel lese, um möglichst viele Informationen zu
sammeln. Wenn mich die Menschen etwas fragen, worauf ich keine Antwort
habe, dann sage ich immer: Das weiß ich nicht, aber ich mache mich
schlau! So habe ich das auch als Betriebsrat bei Freudenberg bisher
immer gehalten.
WN: Sie sind seit 1995 im Betriebsrat. Hat Ihre Kandidatur auch mit den Veränderungen bei Freudenberg zu tun?
GULDEN: In gewisser Weise schon, obwohl die WASG auf mich zugekommen
ist und gefragt hat, ob ich für sie kandidieren wolle. Bei Freudenberg
hat sich seit 1995 für die Arbeitnehmer vieles verschlechtert. Sie
müssen mehr arbeiten, haben weniger Freiheiten, alles ist
unpersönlicher geworden. Aber vor allem: Fast jeder hat heute Angst um
seinen Job - man denke nur an die 350 Arbeitsplätze, die aktuell bei
der Vliesstoffe KG in Weinheim bedroht sind.
WN: Wie wollen Sie das als Politiker ändern?
GULDEN: Bund und Land müssen die Rahmenbedingungen wieder an den
Interessen der Arbeitnehmer ausrichten, nicht am Gewinn der
Unternehmen. Nehmen Sie nur das Beispiel Freudenberg: In den besten
Zeiten waren in Weinheim 14700 Menschen beschäftigt. Heute macht
Freudenberg zwar Rekordgewinne, aber hat in Weinheim weniger als 6000
Mitarbeiter, Tendenz weiter fallend. Und das betrifft nicht nur die
Produktion, sondern neuerdings auch den Bereich Forschung und
Entwicklung. Das Schlimme daran ist doch, dass all diese Jobs für junge
Menschen auf Dauer verloren sind.
WN: Sie
waren in den 90er Jahren Mitglied der SPD, die für sich ja auch in
Anspruch nimmt, gegen die Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Warum sind Sie
ausgetreten?
GULDEN: Ich konnte die politische Kälte in der SPD nicht länger
mitmachen. Hartz IV, Arbeiten bis 67, keine Rentenerhöhungen - das ist
eine neo-liberale Politik, die ich ablehne und die meiner Meinung nach
zum Scheitern verurteilt ist.
WN: Was will die WASG anders machen?
GULDEN: Es hat sich gezeigt, dass der Abbau sozialer Standards
keineswegs Arbeitsplätze schafft und auch die Finanzmisere der
öffentlichen Haushalte nicht beenden kann. Um es auf den Punkt zu
bringen: Wir fordern kürzere Arbeitszeiten für alle anstatt
Arbeitslosigkeit für viele. Hartz IV muss weg, denn Arbeitslosigkeit
darf nicht in Armut und Ausgrenzung enden. Wir brauchen
Ausbildungsplätze für alle Schulabgänger, aber zum Beispiel auch mehr
Geld für die Bildung, kleinere Schulklassen und ein kostenloses
Studium.
WN: Das klingt alles ein bisschen wie das "Paradies auf Erden". Wer soll das bezahlen?
GULDEN: Die Vermögenssteuer sollte wieder eingeführt werden und zwar ab
einem Geldvermögen von einer Million Euro. Das allein brächte in
Baden-Württemberg 2,5 Milliarden Euro pro Jahr in den Landeshaushalt.
WN: Aber selbst dieser Betrag würde doch für die Verwirklichung
der Ziele der WASG bei weitem nicht ausreichen. Versprechen Sie den
Wählern nicht zu viel?
GULDEN: Das sehe ich nicht so. Zum einen könnte mit der Rücknahme der
steuerlichen Vergünstigungen, die in Bund und Land seit 2000
beschlossen wurden, bereits ein Großteil finanziert werden. Und zum
anderen geht es grundsätzlich um einen Richtungswechsel. Mir ist klar,
dass wir nicht alles auf einmal erreichen können. Aber wie heißt es
doch so schön: Ein Stein nach dem anderen gibt ein Haus!
WN: Wenn Sie alle steuerlichen Vergünstigungen der vergangenen
Jahre für Unternehmen zurücknehmen, dann gehen aber vermutlich noch
mehr Arbeitsplätze verloren, weil diese ins Ausland verlagert werden.
GULDEN: Diese Drohung hat bei den etablierten Parteien bisher ja auch
prima gewirkt. Doch ich glaube nicht, dass es so kommen würde.
Schließlich ist der deutsche Markt für die Unternehmen von erheblicher
Bedeutung; wenn sich hierzulande keiner mehr die im Ausland
produzierten Waren leisten kann, dann würde das den Firmen erheblich
schaden. Aber ich sage auch: Jeder muss seinen eigenen kleinen Beitrag
leisten und beim Einkaufen darauf achten, dass die Hersteller von
Produkten ihre Beschäftigten fair behandeln und die Umwelt nicht mehr
als notwendig belasten.
WN: Wie schätzen Sie die Chancen der WASG und Ihre eigenen bei der Wahl ein?
GULDEN: Mein Ziel sind sechs bis acht Prozent im Wahlkreis, aber da ich
das erste Mal kandidiere, ist eine Prognose natürlich ganz schwierig.
Das würde aber dem Ergebnis entsprechen, das ich landesweit der WASG
zutraue.